Und wieder „Wir“ gegen „Die“?

Eigentlich hatte ich nicht vor, etwas zu diesem Thema zu schreiben. Es wurde schließlich schon so viel dazu geschrieben. Und irgendwie habe ich das Gefühl, wir haben das ganze schon zig mal durchgekaut, in der einen oder anderen Art.

Ich spreche von dieser Diskussion um „Generation Y“ und die Führungskräfte, die sich an die neuen Bedingungen anpassen müssen. Ja, ich habe diesen Welt Artikel gelesen, ebenso wie den Beitrag von Sue bei GründerSzene. Ich habe auch einige Reaktionen darauf gelesen. Beispielsweise der gar nicht so daneben liegende Text von Luebue, meinem (noch) Chef. Ihr seht, es wurde bereits sehr viel dazu gesagt. Und heute hat mein geschätzter Freund und Kollege Daniel auch noch was gutes dazu geschrieben. Allein der Titel „Von Schubladendenken un Etikettierungswahn“ verlockt zum lesen.

Ich habe mich bereits mit einigen dazu ausgetauscht, so offlinig von Angesicht zu Angesicht. Und doch glaube ich, dass ich hier meine Meinung auch mal wieder kund tun muss. Nicht damit ihr es lest, sondern damit ich es einfach mal los geworden bin. Und ich bitte immer zu bedenken: Ich kann nicht für alle reden, sondern nur für mich.

Ich werde Ende dieses Jahres 29 Jahre alt werden. Nachdem ich mein erstes Studium mit 23 Jahren abgebrochen habe, habe ich mit 26 Jahren mein zweites Studium als Bachelor beendet und direkt mit meiner Arbeit als Kommunikationsberater begonnen (ich zähle die 1,5 Jahre Selbstständigkeit neben dem Studium jetzt ausnahmsweise nicht mit). Mit 17 wollte ich die 13. Klasse wiederholen, weil ich dachte, meine Abiturnote wäre zu schlecht. Wirklich, fragt meine ehemaligen Mitschüler. Ich war eine Woche nicht in der Schule, bis ich mitbekam, dass ein Chemie-Studium keinen NC hat.

Ich scheiterte also schon fast das erste Mal, bevor ich volljährig war. Aber es war damals die einzig richtige Entscheidung für mich. Nach dem Abi habe ich mein Chemie-Studium in Göttingen begonnen. Doch trotz einer noch immer bleibenden Faszination für diese Wissenschaft, erkannte ich, dass dies nicht das ist, was mich für mein Leben erfüllen wird. Ich brach mein Studium der Chemie ab. Nach fünf Jahren. Doch ich hatte Glück, denn meine Familie stand hinter mir. Der einzige Kommentar war: OK, dann guck halt, was du sonst machen kannst. Und ich komme definitiv nicht aus einer reichen Familie!

Ich fand etwas anderes. Und dieses Mal hatte ich eine gute Wahl getroffen. Ich studierte Kommunikationsmanagement. Also PR. Ich machte mein erstes Praktikum bei Hill & Knowlton 2009 und kam dort mit „diesem Web 2.0“, wie es damals hieß, in Berührung. Ich lernte diese Welt kennen und lieben. Und ich wusste, das ist etwas, was mir gefällt. Was mich erfüllt. Mein zweites Pflichtpraktikum im Studium leistete ich daher anders ab, als meine Kommilitonen: Ich hatte mich mit einem Kollegen selbstständig gemacht und eine kleine Agentur gegründet. Social Media Beratung. Warum? Weil ich keine Lust hatte, noch ein Praktikum zu machen, womöglich eines, das mir nicht so viel beigebracht hätte, wie mein erstes. Und weil ich Geld verdienen musste. Es war eine Mischung aus Notwendigkeit und Ergreifung einer Chance. Die Entscheidung fiel damals in knapp 3 Tagen.

Und ich habe mir von vorne herein gesagt, dass es nur auf Zeit sein würde. Ich wollte lernen. Lernen von Menschen, die mehr Erfahrung haben als ich. Lernen von Menschen, die mehr wissen als ich. So wie ich in der Schule von meinen Lehrern lernen wollte, im Studium von meinen Professoren, wollte ich im Job von Vorgesetzten lernen. Und so wie ich es von meiner Mutter lernte, war ich ein selbstständiger Mensch, der kritisch hinterfragte, was ihm vorgesetzt wurde. So wie ich es von meinen Lehrern lernte, betrachte ich Informationen aus möglichst vielen Perspektiven, um möglichst alle Aspekte eines Problems zu betrachten. Und so, wie ich es von meinen Professoren lernte, versuche ich das Problem stets in den größeren Kontext zu setzen. Ich wurde von je her dazu erzogen, kritisch zu hinterfragen und auf eigenen Beinen zu stehen. Warum also wundern sich dann einige Menschen, wenn ich genau das mache, was man früher von mir forderte? 

Ich lernte sehr viel in meinem Praktikum. Ich lernte sehr viel in meiner Zeit als Selbstständiger. Ich lernte sehr viel in meiner Zeit bei achtung!, die Ende Mai vorbei sein wird. Ich lernte von verschiedenen Menschen. Aber das waren nicht „die Älteren“, oder „die Erfahreneren“. Nicht immer. Es waren alle um mich herum. Die Jüngeren, die Gleichaltrigen, die Älteren. Von allen lernte ich etwas, oder lernte ich eben doch nichts. Ich glaube nicht, dass es eine Generationenfrage ist. Es ist eine Persönlichkeitsfrage. Ich habe junge Höherstehende kennengelernt, die einfach viel auf dem Kasten haben und mir glücklicherweise etwas vermitteln können. Ich habe aber auch Praktikanten und Volontäre kennengelernt, die mir noch vieles beibringen konnten. Ich lernte von „Alten Hasen“ und habe auch viele getroffen, die mir persönlich nichts vermitteln konnten. Aber so wie ich von ihnen lernen konnte, konnten (hoffentlich) viele auch von mir lernen. Jüngere Kollegen von meiner Erfahrung, oder aber von meinen Fragen. Ebenso ältere, erfahrenere Kollegen. Wichtig ist es doch, einfach offen zu sein für Neues. Lernbereit zu sein. Wer denkt, er würde nichts mehr lernen können, hat meiner Meinung nach ein sehr großes Problem.

Nur, weil etwas immer schon funktionierte, muss es nicht immer die beste Variante sein. Nur weil etwas neu ist, muss es nicht immer besser sein. Ich versuche, den besten Weg zu finden, ein Problem zu lösen. Dieser muss aber nicht immer meinem Kopf entspringen, oder revolutionär neu sein. Oft ist es der simple, unspektakuläre Weg, der mich am ehesten ans Ziel führt. Manchmal aber auch nicht. Sollten wir nicht alle versuchen, den optimalen Weg zu finden, anstatt krampfhaft am eigenen festzuhalten?

Doch das ist alles auf einer sehr subjektiven Ebene. Was ist mit dem Vorwurf, „Wir“ würden zu viel verlangen? Also wenn ich mir anschaue, was „Wir“ im Durchschnitt in der Branche verdienen, in der ich arbeite… zu viel würde ich das nicht bezeichnen. Wenn ich an meinen kleinen Bruder denke, der als Maschinenbauingenieur mit einem Gehalt anfängt, bei dem selbst Kollegen mit 6 Jahren Berufstätigkeit die Ohren schlackern… Aber das ist eine Branchenfrage. Wie sieht es mit der Arbeit aus?

Was erwarte ich von einem Arbeitgeber, beziehungsweise von meiner Arbeit?

Als erstes erwarte ich, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird. Das sollte etwas sein, das jeder von uns erwarten darf, oder? Egal wie alt, egal wie viel Erfahrung. Die geleistete Arbeit sollte wertgeschätzt werden. Natürlich gerne auch auf dem Konto. Aber ich bin nicht in die Branche gegangen, weil ich reich werden wollte, sondern weil es mir Spaß macht. Und das erhoffe ich mir von meiner Arbeit: Das sie im Großen und Ganzen Spaß macht.

Ich möchte ein Gleichgewicht von Arbeit und Freizeit haben. Wobei das hier etwas problematisch werden kann, weil für mich die Arbeit und die Freizeitbeschäftigung häufig sehr ähnlich ist. Aber ich sehe es nicht ein, 10-12 Stunden am Tag in einem Büro zu sitzen, nur weil es heißt, dass ich damit Fleiß zeigen würde. Ich kann auch 10 Stunden im Büro sitzen und mir Katzenbilder auf reddit ansehen. Oder aber ich kann meine 8 Stunden so nutzen, dass mein Arbeitspensum geschafft ist.

Ich möchte eine flexible Einteilung meiner Arbeitszeit. Warum muss ich bis 9 Uhr warten, bis ich im Büro anfangen kann zu arbeiten und dann bis mindestens 18 Uhr da sitzen? Mittags eine Stunde Pause. Warum kann ich nicht anfangen zu arbeiten, wenn ich wach und bereit dafür bin? Als Frühaufsteher wäre das bei mir ca. 7:45 Uhr. Mittags habe ich immer ein Tief, warum kann ich da nicht 2-3 Stunden Pause machen? Ich bin abends wiederum wieder relativ fit und bin auch noch irgendwie ein Nachtmensch (Früher habe ich meine Hausarbeiten und auch manche Kundenarbeiten erst um 2 Uhr nachts geschrieben. Dafür habe ich dann mal bis 10 Uhr ausgeschlafen). Diese Arbeitszeiten sind mit einem Büro nicht vereinbar, zumindest heute nicht.

Aber: Wenn es wirklich gar nicht mehr geht, wie es ist. Wenn ich wirklich etwas anders haben will. Dann kann ich doch nicht erwarten, dass die Welt sich ändert, damit ich habe, was ich möchte! Ich muss selbst die Schritte einleiten. Selbst den Weg gehen. Bei mir ist es die Selbstständigkeit. Bei anderen ist es eventuell ein Jobwechsel. Wieder andere brauchen vielleicht auch nur ein Hobby. Ich kann nicht alles verlangen und erwarten, es zu bekommen. Und noch weniger kann ich erwarten, dass es dafür einen Lieferservice gibt. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Es gibt immer doofe Vorgesetzte, die einen blockieren, sabotieren, hindern oder sonst was. Es gibt immer vorwitzige Frischlinge, die denken, sie könnten die Welt verändern, ohne sie zu kennen. Aber es geht nicht um „Wir“ gegen „Die“. Es geht letztlich um „Dich“ und „Mich“. Um deinen Platz in der (Arbeits)Welt und was du damit machen willst.

Ich gehe meinen Weg. Und was macht ihr?