Smartopia – ein wundervolles Theaterstück über unsere Abhängigkeit

Ich habe Urlaub. Eine Woche lang. Das schreibe ich nicht, weil ich jemanden eifersüchtig machen möchte, sondern weil es eine gewisse Relevanz hat.

Mein Name ist David und ich habe zwei Smartphones.

Aber von vorne: Ich war gestern Abend, dank meines guten Freundes Niklas, im Theater. Gespielt wurde das Stück „Smartopia“ vom Echtzeit Theater im kleinen Burg Theater in Lingen. Ja, ich mache Urlaub in Lingen. Jedenfalls meinte Niklas, dass es dieses Stück gäbe, es ginge wohl um Smartphones und so, genau wisse er es auch nicht und ich könnte doch mitkommen. Das Echtzeit Theater ist ein Ensemble von Theaterpädagogen, die in Lingen studierten.

Damit ihr einen Eindruck bekommt, hier ein kurzer Trailer zum Stück, der dem Stück aber nicht gerecht wird:

Mit einem reduzierten Bühnenbild haben die 4 Darsteller es geschafft, mir derart klar vor Augen zu führen, wie abhängig ich (und sicher viele von euch) von den Geräten sind, dass es ich einfach nicht anders kann, als begeistert zu sein. Mit Musik, Gesang und manchmal Monologen wurden alle Themen, Symptome, Vorteile und Nachteile um Smartphones angesprochen.

Und nach einem kurzen Intro begann es mit einer Vorstellungsrunde: „Hallo, ich bin … und ich habe ein iPhone 4“ oder „Hallo, ich bin … und ich habe ein Samsung Galaxy Note“ und zuletzt hieß es: „Hallo, ich bin … und habe ein Handy.“ Und die Reaktion von jedem von uns Zuschauern war ein: Oh. Oh, sie hat kein Smartphone. Oh, sie muss mit diesem Handy klarkommen. Oh, die arme. Aber warum eigentlich? Ehrlich gesagt, bin ich nach dem Stück rausgegangen und dachte bei mir: Hey, eigentlich hätte sie „Oh.“ sagen müssen, als die anderen sich vorstellten.

Es gab auch kurze Passagen, in denen das Publikum involviert wurde. Etwa, als erst einmal gefragt wurde, wer ein Smartphone hat (gefühlte 85%), wer denn ein Handy ODER Smartphone habe (99%) und wer kein Gerät besitze (genau eine Person). Viel eindrucksvoller fand ich, als es zu den Hypes kam. Ich weiß nicht, wer von euch sich in Android, WP oder Apple Foren herumtreibt, aber habt ihr da mal Diskussionen verfolgt? Wenn neue Geräte auf den Markt kommen? „Ich habe gehört dass… “ und dann geht die Diskussion los. „Wann ist das denn vorbestellbar?! Muss ich dafür extra nach Hamburg zu dem großen Shop?“ Diese ganzen Diskussionen auf der Bühne nachgestellt zu sehen, führen einem wunderbar vor Augen, wie viel verrückter Wirbel um ein kleines Gerät gemacht wird.

Meine zwei Highlights des Stückes waren aber ganz klar einmal die Passage, in dem ein Arbeitsalltag von Herrn Wong in einer chinesischen Smartphone-Fabrik dargestellt wurde. Mit einer schönen Präsentation und schönen Details (Das Auffangnetz für die Mitarbeiter, die sich selbst umbringen wollen), werden auch die tatsächlichen Schattenseiten der Smartphone-Industrie angerissen. Das zweite Highlight war für mich der Part zu den Apps. „Gratis-Apps“ gab es. Die Verwirrung der „Kunden“, warum die nette Dame ihnen denn die „Gratis-Apps“ verkaufen wollte, wurde deutlich, als für die eine App verlangt wurde, dass man doch einem Zuschauer die letzten Urlaubsbilder zeigen sollte, oder etwa seinen Kalender, bevor man die App nutzen durfte. Denn ja, wir zahlen auch für „Gratis-Apps“. Das ist so ähnlich wie bei Facebook. A propos Facebook, als einer der Darsteller diese App „kaufen“ wollte, hieß es nur „dass könnte etwas dauern, am besten fangen wir bei deiner Kindheit an…“

Leider wird das Stück so nur noch einmal aufgeführt. Doch Niklas und ich haben versucht, das Ensemble zu überzeugen ihr tolles 120 Minuten Stück doch einmal auf 45 Minuten zu kondensieren und damit auf BarCamps oder anderen Social Media Conventions aufzutreten. Denn ganz ehrlich, jeder von uns, der sich hier herumtreibt, wird sich in diesem Stück wiedererkennen. Und sollte Spaß haben. Ich habe sehr viel gelacht und muss gestehen, fast alles, was sie zeigten, stimmt und fast alles traf auch auf mich zu…

Und da ich in meinem Urlaub gerade eh viel Zeit eher offline und ohne Smartphone, dafür mit Büchern verbringe, wurde mir all das nur um so bewusster. Ich bin abhängig. Ich habe die Phantom-Vibrationen und warte auf Notifications, wenn ich was poste oder teile. Wie geht es euch?

Ach ja, man kann das Ensemble auch buchen! Glaubt mir, es lohnt sich!