Es bleibt die Frage nach dem Sinn

Lingen ist eine kleine Stadt. Wenn man alles was so um Lingen herum noch schwirrt dazu zählt, kommt man ungefähr auf 55.000 Einwohner (inklusive Kühe, Katzen und Hühner). Die nächste größere Stadt liegt etwa 75 km entfernt (Osnabrück), bzw. in etwa 80 km Entfernung Münster. So viel zu der Stadt, in der ich studiere und bereits früher gewohnt habe.

Diese kleine Stadt befindet sich gerade im Wahlkampf – gesucht wird der/die nächste Oberbürgermeister/in – der sich bis zum 12.09.2010 entscheiden wird. Sechs Kandidaten stehen zur Wahl und betreiben ihren Wahlkampf wie gewohnt. Plakate an Laternenpfählen und Bäumen, die sich nicht wehren können. Infostände die strategisch organisiert an gezielten Positionen der Innenstadt aufgebaut sind. Diverse Veranstaltungen, die nun herhalten müssen um Kandidaten vorzustellen. Das gewohnte Programm also.

Eben nicht. Denn drei von diesen sechs Kandidaten haben etwas gemerkt. Es gibt da ja das Internet. Nicht nur für die eigene Website die der einzelnen Kandidaten (Beispielsweise hier, hier und hier), nein es gibt mittlerweile auch das Social Web, das Web 2.0.

Und weil diese drei Kandidaten durchaus modern sind, engagieren sie sich auch dort. Was liegt näher, als einen Twitter-Account zu haben? So hat Kandidatin 1 bereits seit dem 25.6.2010 ihren Account. Etwas später kam Kandidat 2 hinzu, er brauchte etwa einen Monat länger. Zuletzt haben wir Kandidat 3, der seit heute auch Twitter kennt. Ob es an den Parteien liegt, wie schnell sie bei Twitter waren, kann und will ich nicht beurteilen.

Was mich nun jedoch zu dem eigentlichen Sinn meines Beitrages hier führt ist folgendes:

In Lingen existieren (nach einer kurzen Twittersuche) geschätzt etwas über 40 Menschen, die bei Twitter angemeldet sind. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, noch zu prüfen, ob diese auch aktiv sind. Aber die Folge aus dieser Zahl sollte wohl jedem klar sein.

Hier haben sich weder die Kandidaten, noch die Leute, die ihnen empfohlen haben, bei Twitter aktiv zu sein, Gedanken darüber gemacht, welchen Sinn ihr Engagement macht. Ein Blick auf die Followerzahl zeigt relativ schnell, dass Lingen für einen Twitter-Wahlkampf noch nicht bereit ist. Ebensowenig wie die Kandidaten. Nutzt der eine Twitter als Newsfeed für seine nächsten Auftritte und wo er zu finden ist (Warum dann nicht foursquare?), wird von einem anderen Kandidat ein bisschen Privates und ein wenig Wahlkampf zum Newsfeed dazu gemischt. Der letzte Kandidat hat bisher nur verlauten lassen, dass er nun auch bei Twitter zu finden sei und gleich einen Link auf seine Website hinterhergeschickt.

Ich finde hier zeigt sich, wie wichtig eine Zielgruppenanalyse für ein Engagement im Social Web ist. Zumindest für ein zielgerichtetes Engagement, dass in eine Strategie eingebettet sein soll. Verzeiht, dass ich das anhand des Beispiels des Provinzwahlkampfes darstelle, aber es bot sich einfach an. Nehmen wir einfach mal an, die Kandidaten wollten über Twitter an die jungen Wähler (Wahlberechtigt ist man ab 16 Jahren) erreichen, hätte eine kurze Googlesuche zum Durchschnittsalter der Twitternutzer gereicht um sofort zu erkennen, dass man diese Zielgruppe kaum über diesen Kanal erreichen wird.

Es gibt hier im Emsland ein regionales Social Network, das Durchschnittsalter beträgt hier etwa 21 Jahre und die meisten User stammen (da regionales Network) aus der Region. Die Wahrscheinlichkeit hier ihre potentiellen Wähler zu erreichen wäre schon viel höher. Alternativ wäre natürlich Facebook, der blaue Datenkrake, noch als Plattform in Betracht zu ziehen. Sehr viele Schüler, Studenten und andere junge Leute sind dort zu finden. Eine kleine Fanpage wäre schnell eingerichtet und könnte, mit etwas Einsatz, relativ leicht genutzt werden. Welchen Einfluss auf meine Wahlentscheidung hätte es, wenn ich öffentlich mit den Kandidaten zu bestimmten Themen, die mich interessieren, diskutieren könnte?

Doch das hat man hier nicht bedacht. Und so bleibt am Ende nur die Frage nach dem Sinn…

18 Antworten auf „Es bleibt die Frage nach dem Sinn“

  1. Schöne kleine Analyse, in der ich eigentlich nur noch den internationalen Schwenk zum Obama-Wahlkampf vermisse – oder etwas kleiner gedacht eben zu Thorsten Schäfer-Gümbels gar nicht so unerfolgreichen Gehversuchen auf Twitter (vom zwischenzeitlichen Authentizitäts-GAU mal abgesehen) -, der noch heute Politiker ins Social Web spült, ohne das diese sich dort wohlfühlen könnten, um vernünftigen Wahlkampf betreiben zu können.

    1. Du hast recht, ich hätte noch einmal auf die Wahl des US-Präsidenten eingehen sollen. Dann wäre überdeutlich geworden, warum das in Lingen oder auch in Deutschland (noch) nicht funktioniert. In den USA gehen die Bürger/Wähler anders mit Social Media um, als hier in Deutschland und erst recht hier in Lingen.
      Die ersten Gehversuche deutscher Politiker sind teilweise wirklich positiv zu bewerten, jedoch mangelt es hier wieder an Rezipienten. Da muss sich in Deutschland noch einiges verändern und ich hoffe, das es sich auch ändern wird.

  2. Lieber David,
    in Deiner Analyse hast Du einen – wie ich finde wichtigen – Aspekt außer Acht gelassen: Die Tatsache, dass einer der 40 Lingener Twitterati Du bist. Diese Tatsache führt doch immerhin dazu, dass der Wahlkampf einer Provinzstadt Inhalt eines renommierten, von vielen gelesenen Blogs wurde. Somit hatten die bestimmt eine gute Marketingberatung und ihre Strategie ist aufgegangen;-). Ansonsten sollte man sich natürlich die von Dir skizzierten Grundgedanken im Vorfeld machen und ich hoffe sehr, dass für den nächsten Wahlkampf im Vorfeld recherchiert wird und die darin Involvierten vorher Deinen Rat einholen! Wieviel der Einsatz sozialer Medien in einem Wahlkampf bewegen kann, hat der Obamawahlkampf ja sehr eindrucksvoll bewiesen.

    1. Vielen Dank für die Blumen, so bekannt ist mein Blog nach einer Woche noch nicht.
      Obama hat sehr schön gezeigt, wie man mit Hilfe des Social Webs einen Wahlkampf bereichern kann und potentielle Wähler involvieren kann, so dass sie in ihrer Wahlentscheidung eher eine Tendenz entwickeln. Ob Deutschland generell, Lingen im Besonderen jedoch schon so weit ist? Ich bin mir da noch unsicher. Abgesehen von der Tatsache, dass nur wenige Politiker so weit sind (meiner Meinung nach), denke ich, dass auch viele Wähler in Deutschland noch gar nicht so einen Zugang zu den Kommunikationskanälen im Social Web haben, als dass sich ein ähnliches Ergebnis wie damals bei der Präsidentschaftswahl in den USA erreichen ließe.

      Ich persönlich folge keinem der Kandidaten, beobachte aber ihr Verhalten auf Twitter, vielleicht entwickelt sich der eine oder andere doch noch in den nächsten 3-4 Wochen. Wer weiß? Aber eine signifikante Auswirkung auf die Wahl wird es wohl kaum geben.

  3. 1) Twitterati(?) in Lingen und Umgebung: Laut dieser Liste hier sind es knapp 180 (http://twitter.com/RobertsBlog/tweets-aus-lingen)

    2) Twitter ist ein offenes, und vor allem einfaches Medium. Es ist einfach den Leuten /Kandidaten beizubringen – Auch denen, die sich nicht damit auseinander gesetzt haben. Außerdem ist es einfach auf dem Stand der Dinge zu halten.

    3) Es geht für die Kandidaten wohl auch mehr darum, dabei zu sein, modern zu wirken. (Und vermutlich ganz nebenbei auch das Google-Ranking zu positiv beinflussen (; )

    4) Die Twitter-Feeds werden – zumindest bei den „Bürgernahen“ – an Prominenter stelle auf den Internetseiten eingebunden. Die Annahme, dass nur Follower die Tweets lesen (und/oder wahrnehmen) ist vollkommen absurd und somit komplett hinfällig. Auch das Thema Zielgruppe ist so gesehen hinfällig, da kein Tweet zum reagieren, sondern nur zum „aufnehmen der Informationen“ anregt, kann man Twitter als das sehen was es ist; Ein Mikroblog. Das dabei keiner der Kandidaten Twitter so nutzen wird wie du, also das Potential von Twitter komplett ausnutzend, ist auch klar.

    5) Die wichtigste Frage die sich mir stellt ist, ob das Twitter-Engagement der Kandidaten nur im Wahlkampf aufkeimt, oder – bei einer eventuellen – Wahl weiter durchgezogen wird. Das ist spannend. Und das ist ein Kritikpunkt.

    Gruß,
    -max

    PS: Den Hinweis auf die „EL-Community“ meinst du ernst?
    PPS: Ich habe keiner der genannten Parteien etwas zu dem Thema erzählt, bin also keiner der „Berater“ 🙂

    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Vielleicht hättest du doch als Berater tätig werden sollen? 😉

      Zu 1) Du hast recht, die Liste von RobertsBlog zeigt wirklich mehr Twitterati in Lingen. Ich hatte auch nur eine sehr kurze Suche bei Twitter vorgenommen, mein Fehler. Aber auch 177 Twitterati aus Lingen sind noch nicht gerade viel. Davon müsste man inaktive abziehen und vielleicht mal die „Unternehmensaccounts“ genauer betrachten.

      Ich stimme dir bei 2 und 3 vollkommen zu, aber sollte man beim Wahlkampf nicht versuchen, sein Engagement und somit seine Zeit/Energie zielgerichtet und gebündelt einzusetzen um einen möglichst großen Wirkungsgrad zu erreichen? Nur weil etwas da ist, muss man es nicht bedienen/nutzen, wenn es keinen klaren Nutzen hat, oder?

      Die Bürgernahen haben es wenigstens auf der Website, das ist gut. Ich habe leider keine Daten zu den Aufrufen der Websites, daher kann ich nicht sagen, wie es mit der Reichweite aussieht. Aber auch ein Blog (und so auch Mikroblogs) ist meiner Meinung nach nicht nur dafür da, Informationen zu verbreiten, sondern Diskussionen anzuregen und einen Austausch zu den jeweiligen Themen zu ermöglichen. So wie es hier ja auch gerade geschieht. Ich denke, da zeigt sich die „alte“ Einstellung zum Internet (nicht bei dir, sondern vor allem bei den Politikern), dass man Informationen weitergibt und fertig. Das war auch so, im Web 1.0. Im heutigen Social Web sieht es jedoch etwas anders aus. Und wenn man sich dort engagiert, sollte man es dann nicht auch richtig machen?

      Zu Frage 5) Diese Frage ist wirklich äußerst spannend, doch ich befürchte, dass es nach der Wahl sehr stark nachlassen wird. Generell würde ich ein größeres Engagement der Stadt bei Twitter (Account ist vorhanden, aber ungenutzt!) oder auch Facebook (einige Städte pflegen eigene Fanpages) sehr begrüßen.

      Ja ich meine den hinweis auf die EL-Community ernst. Natürlich sollte man nicht nur dort aktiv werden.

      Gruß,
      David

      1. Von den Gruppierungen, die einen Kandidaten zur Wahl gestellt haben, haben die Bemühungen der Bürgernahen im Internet bei mir von Anfang den aktivsten Eindruck hinterlassen. Wenngleich zunächst auch mit einigen optischen Abstrichen bei der (Haupt)Internetseite (www.bn-lingen.de), sind der Blog und jetzt auch http://www.sabine-stueting.de ganz ansehnlich und vor allem auch informativ. Aber auch hier müsste man dann im Grunde die Sinnfrage stellen – könnten sich nicht „alle“ auch besser über Info-Stand und Flyer informieren?

        Daher lasse ich erste Gehversuche nur ungern als überflüssig bezeichen. Sinngemäß gilt für neue Twitter-Accounts: „Nichts, was das Kunstwerk zu bieten hat, war vorher auf dem Markt; also konnte es auch keine Nachfrage danach geben.“ – Adolf Muschg

        Das es darüber hinaus nicht immer ein Strategiepapier zu geben scheint, werte ich hingegen positiv. Oder welcher Twitter-Stil von den dreien kommt bei Dir am besten an? Gleiches gilt für den gewählten Account-Namen – welcher davon hat wohl am meisten Potential auch nach dem September weitergeführt zu werden?

  4. Hallo David,

    für die Analysen zum Twitter-Account solltest Du Dich vielleicht mit der Historie der Kandidatenaufstellung befassen. Daraus ergibt sich quasi auch die Reihenfolge der Twitter-Accounts und der Web-Seiten. Die Präsens in den „neuen Medien“ ist quasi zur Pflicht geworden. Sie macht es möglich außerhalb der Willkür von Redakteuren der Printmedien Inhalte zu formulieren und zu kommunizieren. Ob deswegen Wahlbeteiligungen steigen und Stimmenzuwächse stattfinden, ist wohl noch nicht erwiesen. Nicht im Internet präsent zu sein, ist allerdings fahrlässig !

    1. Hallo Thomas,

      vielen Dank für die Information zum Zusammenhang von Kandidatenaufstellungshistorie und Twitter-Account. Ich stimme zu, dass eine Internetpräsenz heutzutage vor allem in der Politik wichtig ist, erst recht während des Wahlkampfes. Dennoch sollte man die Wahl des Kommunikationskanals etwas gezielter treffen. Auch wenn Twitter vielfach gehyped wird, ist es in Lingen (oder im Emsland) schlicht noch zu früh dafür. So kann man zwar seine eigenen Botschaften „außerhalb der Willkür von Redakteuren“ verbreiten, jedoch erreicht sie nur wenige Leute. Sie werden mir sicher zustimmen, dass die Botschaften schlicht zu verbreiten etwas zu kurz gedacht ist. Es sollte möglichst so verbreitet werden, dass die Botschaften auch ankommen und zwar dort, wo sie ankommen sollen: Den Wählern.

      Internetpräsenz: Ja! Twitter: Nicht unbedingt zwingend, wenn jedoch genutzt, dann als Teil einer breit aufgestellten Social Media Präsenz.

      1. Dem stimme ich ausdrücklich zu. Twittern ist auch nicht unbedingt mein Ding. Viel zu unverbindlich und vergänglich.

  5. Hallo, David,
    habe deinen Posts zum OB-Wahlkampf erst jetzt entdeckt. Eigentlich mein Thema, nachdem ich letztes Jahr den Wahlkampf für unseren OB mitgestalten konnte. Bin derzeit schon im zweiten Wahlkampf engagiert, hier gibt es eine ganz andere Ausgangslage.
    Was mir sehr fehlt in deiner Analyse: Die Beobachtung und der Vergleich mit den anderen Medien. Kurzum: Social Media, meine Erfahrung, funktioniert etwa viel besser, wenn es einen Zeitungs-Monopolisten gibt, der sich im Wahlkampf sehr zurück hält. Dann kann Social Media ein Informations-Vakuum füllen.

    Mir fehlt dabei auch die Betrachtung der Webseiten der Kandidaten und deren Einbindung von, wenn auch überschaubaren, Social Media-Aktivitäten. Und: Wie sieht es denn da mit dem Dialog aus? Erst dann wird daraus ein schlüssiges Gesamtbild.

    Gruß, cdv!

    1. Du hast recht, die Printmedien-Analyse fehlt. Vor allem als Vergleich.

      Die Website-Einbindung hätte ich auch noch vornehmen müssen. Hier ist es so, dass jeder Kandidat, der bei Twitter aktiv ist, auch ein kleines Twitter-Plugin auf der Seite hat. Manche weisen zudem auf ihre Fanpage hin.

      Den Rest der Analyse findet man hier.

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